Molotov Cocktail
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Die Geschichte einer PET-Flasche

Molotov Cocktail

DIESE GESCHICHTE ERSCHEINT ZUM DIESJÄHRIGEN GEDENKTAG AN ALLE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS (HOLOCAUST) 05. 05. 2011

Und dann geschah etwas, was ich bislang nicht für möglich gehalten hätte: Der Fette in der Bomberjacke und dem “Londsdale”-Pulli schmetterte eine leere PET-Flasche aus nächster Nähe und mit voller Wucht auf den Kleinen im “Fred Perry”-Shirt, welcher breitbeinig zwischen zwei blonden, bebrillten Mädchen auf der Couch sass und den Bruchteil einer Sekunde später lauthals aufschrie. Die Kante der Flasche aus der brutalen Hand des Fetten hatte ihn voll an der Schläfe erwischt. Blut strömte wie ein kleiner Bach zu Boden. Reflexartig zum nächsten Papierständer rennend reagierte ich auf meine Art: Ich hielt ihm eine Handvoll Papiertücher an das Cut und erst später holte ich Eiswürfel in ein Geschirrtuch wickelnd aus der Küche, als er, das Opfer, bereits im Auto sass und drängte, ihn endlich ins Landesspital zu kutschieren.

So ging es hier die meiste Zeit zu. Die Jungs hatten einfach zu viel überschüssige Energie, und falls sie einmal laut eigenen Aussagen kein “dreckiges Negerlein” zum Vermöbeln fanden, dann kam es schon mal vor, dass sich das Rudel separierte und Egoismus die Oberhand gewann. Sie waren allesamt blutjung und genauso dumm und befanden sich auf einem jähen Selbstfindungstripp. Sie verneinten alles Fremde, hatten sogar an jedem was auszusetzen, der nicht aus ihrer Heimatgemeinde stammte. Oft wohnt der Ausländer bereits im Nachbarsgarten, so eingeschränkt war ihr Blickfeld und ihre Toleranzgrenze war kleiner als das Hirn eines Riesensauriers.

 

Der diensthabende Arzt im Landesspital stellte ein 1,5 cm tiefes Cut fest und der Jugendliche im Shirt mit dem weiss gestreiften Kragen war nun vor die Wahl zweier Möglichkeiten gestellt: Kleben oder nähen. Für beide Varianten war eine Rasur um die Wunde herum notwendig – er hingegen wollte gleich sein ganzes Haupt enthaaren lassen – ohnehin wiesen seine Haare kaum eine erwähnenswerte Länge auf. Vor den zwei Stichen hatte er anscheinend grossen Respekt und entschied sich schliesslich für das Kleben. Der noch junge Arzt rasierte natürlich nur die Stelle um die Wunde und wollte noch wissen, wie der Unfall entstand (Antwort des Jungen: “Habe mit einem Kollegen etwas rum-geblödelt!“) und ob er Tetanus geimpft sei (Er wusste es selbst-verständlich nicht – mein Eindruck war, dass es ihm ohnehin gleich-gültig war!). Als sich der grössere Zeiger der Uhr etwa einmal um die eigene Achse bewegt hatte, lieferte ich die kleine, unscheinbare Kamikaze wieder im “Böhse Onkelz”-verseuchten Jugendraum (welcher eher einem Diskobunker glich) ab.

 

Die Jugendlichen mit “eigener Einstellung”, die von Beteiligten der anderen Szene schlichtweg als “Faschos” bezeichnet wurden, waren sehr wankelmütig. Waren sie nüchtern, kam es zu Diskussionen (welche meist den ganzen Abend über andauerten und zu wirklich nichts führten). Waren sie angetrunken, kam es zu Pöbeleien. Waren sie betrunken, waren sie nicht mehr ansprechbar und ihre Schizophrenie kam zum Vorschein. Doch die meiste Zeit waren sie stockbesoffen. Sie schlägerten intuitiv und schlugen gegen so ziemlich alles, was ihnen in die Hände fiel. Sie brüllten “Heil Hitler” in der Gegend umher und beschimpften Schweizer als “Scheissschwiizer”, Österreicher als “Scheisslinke” und alle anderen (Deutsche inkludiert) waren für sie “stinkende Juden” oder “dreckige Nigger”. Sie wussten ganz einfach nicht, was sie sagten, und sagten alles ohne vorher ein Fünkchen einer Sekunde darüber nachzudenken. Weder der Gemeindevorsteher noch ihre Eltern schienen irgendetwas an dem Verhalten der “Pseudo-Skins” auszusetzen zu haben – hörte ich sie etwa selbst über die zugezogene Türkenfamilie, welche sich nicht anpassen und fügen wollte und Moslems und Kopftuchfrauen im Allgemeinen schimpfen.

 

Mir kam es vor, als ob nun das halbe Land verrückt geworden wäre. Oder stimmt etwa mit mir was nicht? Ich glaube kaum. Zum Glück gab es da noch vereinzelt eine andere, vom Aussterben bedrohte Randgruppe, welche sich “Punks” nannte und die etwas Farbe ins sonst so grautönige Alltagsleben brachte. Mit ihren Irokesen, “Che Guevara”-Leibchen und Nietengürteln sorgten sie zwar kaum mehr für Aufsehen, doch durch ihre Seltenheit wiederum schon. Schliesslich hörten nicht nur Schwarze HipHop und Reggae-Musik. Der Wiederbetätigungs-paragraph war irgendwo im Strafrecht versteckt und sowieso in Vergessenheit geraten. Mir ging es hauptsächlich um Toleranz und gegenseitigen Respekt voreinander.

 

Eine Woche nach dem “Vorfall mit der PET-Flasche” kam es zur Konfrontation mit “Skatern” und “Boardern”. Die “Möchtegern-Skins” lauerten den Jungs im “Oversize”-Look vor einem bekannten Fach-geschäft für Skateboards- und Snowboardmarken auf. Kurz darauf kam es zur Massenschlägerei. Am selben Abend während einer Weihnachts-veranstaltung in der Gemeinde wurde der Gemeindevorsteher persönlich attackiert. Am Tag darauf erstattete er Anzeige bei der Polizei. Gegen die Übergriffe zur Wehr gesetzt hat er sich jedoch nicht. So etwas nennt man Politik! Wieder eine Woche später pilgerten die “Bomberjacken-Buben” vom “rechten Jugendtreff” in die Nachbargemeinde (sprich “Ausländerkaff”) zum “linken Treff” und suchten sichtlich Körperkontakt mit diesen.

Am selben Abend wurde die Fahrertüre meines Wagens zerkratzt (oder sollte ich verziert sagen?), zwei Fahrräder von Jugendlichen “entführt” und ein weiteres gänzlich “umgetunt”. Ich rief zwar gleich die Nummer des Gemeindepolizisten, konnte ihn jedoch weder im Dienst noch privat erreichen. Man sagte mir: “Vielleicht hat er ja aufgehört!” Ja, ja, wenn man sie mal braucht, die Freunde und Helfer in der Not..

 

Nun kleben “right is wrong!”- und “Stop racism and xenophobia!”-Sticker an den Türen der Jugendräume. Ich habe mir mittlerweile ein neues Auto zugelegt, den angeblichen “Führer” der “Glatzen-bewegung” mit ihren Hakenkreuzhalsketten und “White Power SS-Klamotten” Jugendraumverbot (welches bis heute nie in Kraft trat!) und eine Anzeige wegen gefährlicher Drohung und Vandalismus (das mit dem Wiederbetätigungs-paragraphen fasste leider nicht Fuss!) verpasst und meine Nachfolge ist eine junge, zierliche Dame, die nun ihre Arbeit hier schlichtweg mit “Angst” assoziieren kann.

 

BK
Bandi Romeo Koeck, geboren am 28. Oktober 1980 in Feldkirch/Österreich, glücklich verheiratet und Vater von vier Kindern, schreibt, seitdem er schreiben gelernt hat.

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