Warum Onur mal wieder durchgedreht ist

„Erzähl’ schon, wie du dir deine Finger gebrochen hast!“ drängte ich meinen alten Freund und ehemaligen Schulkollegen Onur, welcher türkischer Herkunft ist bzw. wie man Neu-Deutsch so schön sagt, einen Migrationshintergrund hat. „Lass uns hineingehen!“ entgegnete er knapp, da die Anwesenheit seines bärtigen Vaters unmittelbar war und zeigte zur Eingangstüre der großen Wohnanlage, in der er die Wohnung unterhalb seiner Eltern bezog. Als er mit seiner linken Hand die Türe aufsperrte, da sein rechter Arm in einem schneeweissen Gibs lag, fiel mir sofort das Paar rosaroter Ballerinas im Flur auf. Doch ohne nachzufragen setzte ich mich im Wohnzimmer auf das blaue Sofa mit den gelben Punkten. Nachdem er den mir gegenüber liegenden Flachbildfernseher angemacht hatte (es lief eine uralte Sendung von Raumschiff Enterprise auf einem türkischen Satellitensender) setzte er sich mir gegenüber und begann seine Geschichte, da er offenbar spürte, dass ich vor Neugierde fast platzte:

„Um es kurz zu fassen, sie hat mich mal wieder auf die Palme gebracht und dann bin ich mal wieder durchgedreht!“ Doch mit dieser knappen Antwort gab ich mich nicht zufrieden, da ich ein Mensch bin, der Details mag und sich Zeit für Freunde nimmt. Ich warf ihm einer dieser Blicke zu, atmete dabei tief aus und hakte dann sofort nach. „Also gut. Es war vor zwei Wochen an einem Sonntag. Ich hatte mal wieder meine Kinder bei mir und habe mit ihnen gespielt. Da hat sie zu mir gesagt: ‚Deine Söhne sind viel lieber wie du!’ Ich habe sie daraufhin angeschaut und gefragt, was das soll und was für ein Problem die eifersüchtige Kuh eigentlich hätte. Sie sagte, ich solle Ilhan und Fatih nur mal anschauen. Meine Eltern waren auch da, und meine Schwester Fatima. Ich versuchte sie daraufhin einfach zu ignorieren und hab mit den beiden weiter Autos gespielt. Am Abend wollte ich meine Kinder zurück nach Zürich zu ihrer Mutter bringen und sie sagte, dass sie mit wolle. Weisst du, ich fahre immer alleine meine Kinder holen und bringen. Wenn meine neue Frau meine Ex-Frau sieht, das gibt nur Probleme. Doch sie liess nicht locker und bestand darauf. Weisst du, sie hat mir gesagt, was ich zu tun habe, und das hasse ich.“

„Du meinst, sie hat so im Befehlston mit dir geredet, dich kommandiert wie einer im Barras?“ entgegnete ich. „Ja, genau. Wir begannen zu diskutieren, alles vor den Kindern, meinen Eltern und meiner grossen Schwester. Sie wollte mich einfach nicht gehen lassen und stellte sich mir entgegen, als ich mit Ilhan und Fatih zur Türe ging. Ich schob sie einfach beiseite. Ich bekam wieder solch einen dicken Hals und es kochte in mir. Im Gefecht hab ich dann meine Schwester mit dem Namen meiner Ex-Frau angeredet, und da hat sie völlig durchgedreht: ‚Seht ihr, so sehr liebt er mich, dass er den Namen von der Schlampe verwendet und mich nicht mal mitnimmt. Ständig denkt er an sie bla, bla, bla…’ Da bin ich dann durchgedreht. Eigentlich wollte ich sie schlagen aber konnte es noch in letzter Sekunde abwehren und hab mit blosser Faust gegen den Schrank geschlagen.“

„Wow, ist jetzt nicht nur deine Hand demoliert sondern auch der Kasten kaputt?“ wollte ich sogleich wissen.

„Nein, der Kasten blieb ganz. Hartholz!“ antwortete Onur. Ich wollte jetzt mal seine rechte Hand im Gipsverband etwas genauer betrachten. Er streckte mir das Gebilde entgegen und erklärte, dass der kleine Finger beim zweiten Glied gerissen und beim Ballen gebrochen wäre. „Ich habe schon zwei Wochen hinter mir und noch zwei Wochen vor mir bis er weg kommt. Und dann ist auch mein Krankenstand vorbei.“

„Und warum sieht der Gips dann immer noch so neu aus?“ drängte sich bei mir die Frage auf. „Weil ich heute früh im Spital war und sie mir einen neuen draufgemacht haben. Weißt du, mir ist ständig die Hand eingeschlafen und beim kleinen Finger fing es am Abend immer zu kribbeln an. Das Gefühl kennst du sicher, als ob Ameisen da drin hoch krabbeln würden.“

„Ja, das kenne ich, wenn ich im Schlaf auf den Arm liege und mir dann dieser eingeschlafen ist.“ Ich blickte kurz auf den Flimmerkasten, liess meinen Blick über die sich daneben befindende Kraftbank, den Glastisch und den auf dem Boden stehenden PC-Monitor mit aufgeklipster Webcam streifen, und sah meinem Freund dann wieder in die Augen. Onur hatte in der Zwischenzeit eines der neonorangen Polster vor seinen behaarten Bauch gedrückt, um seinem Kummer und stets vorhandenen Groll Ausdruck zu gewähren:

„Ich habe meine Kinder dann abgeliefert und sah meine Ex nur über den Rückspiegel, was besser so ist. Bei der Rückfahrt war meine Hand schon volle angeschwollen und der Schmerz wurde immer grösser. Nach anderthalb Stunden war ich wieder zurück in meiner Wohnung und der Streit ging in die nächste Runde. Ich war zu wütend, um ins Krankenhaus zu gehen und ging die nächsten zwei Tage sogar noch arbeiten! Sie warf mir Dinge an den Kopf, die eine frische Partnerin einfach nicht sagt. Weißt du, sie geht jetzt schon mit mir, ganz zu schweigen wie es dann in 20, 30 Jahren aussieht – ach was sag ich da, nicht mal vorzustellen, wie sie in ein, zwei Jahren mit mir umspringt..“

„Wie lange ist sie denn schon hier?“ wollte ich wissen.

„Seit etwa vier Monaten. Ich mach das ja nur meinen Eltern zu liebe. Es ist quasi eine Zwangbeziehung.“

„Gab’s eine Zwangheirat auch schon? Darfst du schon mit ihr Sex haben?“ brannte es mir auf den Lippen.

„Also unser Priester, der Hodscha, hat uns verheiratet. Ist nichts schriftliches passiert“ antwortete der streng gläubige Moslem. „Also ihr seid quasi kirchlich verheiratet aber vom Staat her nicht.“

„So kann man’s auch sagen. Meine Eltern haben mich Monatelang gedrängt und sind dann ja zwei Mal in Osttürkei geflogen und haben mit mehreren Familien gesprochen und mir dann Ayscha ausgesucht. Weisst du mein Freund, ich wollte ja nicht wieder heiraten, nachdem mir meine erste Frau, die ich geliebt habe, fremd gegangen ist und mich mit meinen Kindern verlassen hat. Ich hatte sowas von die Schnauze voll. Bis ganz oben. Der Hass steckt noch tief in mir. Mir wäre, als ob es gestern erst passiert wäre, als ich früher von der Schicht nach Hause kam und durch die halb verdunkelten Gardinen sah, wie sie mit der Webcam im MSN-Chat war mit diesem Wixer.“

„Und wie oft hast du sie gesehen, bevor ihr sie nach Österreich geholt habt?“

„Einmal. Ich war für eine Woche unten in Türkei und da haben wir uns zum ersten Mal gesehen und etwas kennen gelernt. Es waren ständig die Eltern dabei. Danach haben wir dann ein halbes Jahr telefoniert, bis ich sie rauf geholt habe. Weisst du, in Türkei war sie ganz anders. Sie war immer zuhause, wollte nie weg gehen und wenn sie mal ausgegangen ist, dann war immer ihre Mutter oder einer ihrer Brüder dabei.“

Meine Gedanken kreisten und ich machte eines meiner berüchtigten „hmm“ bevor ich Onur eine Frage zum etwas Nachdenken fragte:

„Jetzt hast du ja den Vergleich zwischen einer Türkin, die in Österreich bzw. Europa aufgewachsen und zur Schule gegangen ist und einer aus der Türkei. Gibt es da einen Unterschied für dich?“

„Aber sicher, mein Freund. Ayscha ist nur fünf Jahre zur Schule gegangen: Vier Jahre Volksschule und ein Jahr Hauptschule. Jetzt ist sie 25 und kann kaum lesen noch schreiben. Bei mir ist es ja auch schon ein paar Jahre her, seitdem ich meine Lehre abgeschlossen habe und zur Berufsschule ging. Sie aber ist über 15 Jahre weg und kann nicht mal ein SMS schreiben oder sonst irgendetwas aufschreiben. Wenn sie den Buchstaben M sieht, dann meint sie, es wäre ein W und O und Ö kann sie auch nicht voneinander unterscheiden. Und wie du weisst, gibt es ja diesen Einbürgerungskurs, zu dem ich sie gleich nach ihrer Ankunft angemeldet habe.“

„Der bei der Arbeiterkammer?“

„Ja, genau. Der kostet mich 1.150 Euro. Und jetzt beklagt sie sich ständig, dass sie nicht mitkomme und die anderen viel besser und weiter wären. Kein Wunder, wenn die Alte nicht lesen und schreiben und nichts richtig machen kann. Hätte ich das gewusst, hätte ich sie sicher nicht angemeldet und zuerst mit ihr das Alphabet geübt. Was ist, wenn sie jetzt durchfällt und den Kurs wiederholen muss? Dann habe ich über Tausend Euro in den Sand gesetzt!“ Ich hörte in seiner Stimme, wie angespannt und wütend er über seine Situation war. Er schlug mit der Hand, welche nicht im Gips war, auf den Couchtisch und sprach in gleich lautem Ton weiter: „Es ist wirklich zum verrückt werden. Und dauernd sagt sie ‚Schat’ zu mir, weil sie Schatz nicht aussprechen kann. Ich hab ihr gesagt, sie kann mich Schatz nennen. Ich nenne sie ja auch Schatz, obwohl ich sie nicht liebe, aber vielleicht mag ich sie ja irgendwann. Aber ich glaube, sie liebt mich schon, weil sie will dauernd Bussi und Umarmungen und all das Zeug. Das ist zuviel für mich, weißt du. Scheisse! Auf jeden Fall hab ich gesagt, sie soll lieber das T weg lassen und mich „Schaz“ nennen. Wenn ich all das gewusst hätte, dass sie Analphabetin ist und keine Wörter richtig aussprechen kann, dann hätte ich sie sicher nicht genommen.“

„Aber sie hat doch bestimmt andere Qualitäten, oder? Kann sie gut kochen?“

„Geht so. Ich muss ständig mit ihr einkaufen gehen, da sie ja kein Wort Deutsch kann. Und sie will immer raus was machen, shoppen, in Restaurants essen und so weiter. Ich hab ihr gesagt, dass ich ihr nicht täglich was kaufen kann, so einmal in der Woche, ich muss ja auch schauen, dass meine Söhne nicht zu kurz kommen. Denen möchte ich auch regelmässig was schenken. Sie ist wie meine Ex. Der hab ich auch so viele schöne Kleider gekauft. Für jede türkische Hochzeit auf die wir gingen ein neues. Sie hatte den ganzen verdammten Schrank voll damit. Ich bereue das so. Sie checkt einfach nichts. Hab ihr gesagt, dass wir warten müssen, bis die Wohnbauförderung gekommen ist und mein Gehalt auf dem Konto ist, aber nein, sie will alles sofort. Sie ist schon sauber. Aber ist mir doch scheissegal ob sie zweimal am Tag den Boden aufsaugt. Was nützt es mir, wenn sie mich jeden Tag mehr aufregt und wütend macht?“

Wir schauten uns kurz fragend an, wechselten die Position auf der Couch. Türkische Musik erklang. Es war sein Tarkan-Klingelton. Er war höflich und drückte den Anrufer ab, da er jetzt so richtig aufgewärmt war, um Psychohygiene mit mir als Dr. Freud zu begehen: „Mein Freund, letztes Wochenende bin ich abgehaut und bin wieder nach Zürich gefahren. Hab meiner Ex eine SMS geschrieben, da ich ja nie mit der Hure telefoniere, ob ich meine Kinder für zwei Stunden sehen und was mit ihnen machen kann. Da hat sich meine neue mir in den Weg gestellt und wollte mich einsperren. Sie hat mich so aufgeregt, dass ich sie wieder bei den Haaren zog, in eine Ecke schubste und ins Auto gestiegen bin.“

„Find ich gut, dass du deine Kinder öfters siehst. Die meisten geschiedenen Väter sehen ihre Kinder maximal alle zwei Wochen am Wochenende!“

„Ich hab sie zuvor ja auch zwei Monate nicht gesehen. Bin hingefahren, da ich nicht wollte, dass sie her kommen. Als ich dann Ilhan mit dem Gips an seinem linken Arm sah, sagte ich ‚Ilhan, mein Sohn, was ist dir passiert?’“

„Wolltest du das nicht von seiner Mutter wissen?“

„Nein, das hätte dann wieder zwanzig SMS gegeben und ich will so wenig wie möglich von ihr auf mein Handy haben und sie so wenig wie geht in meinen Gedanken. Er sagte, er wäre von der Schaukel gefallen. War ganz witzig, als wir zum Spielplatz gingen. Die Leute haben uns angeschaut und gelacht, da wir beide einen Gipsverband hatten.“

„Ja, das stelle ich mir auch lustig vor, Vater und Sohn, beide mit Gips, Hand in Hand mit der unvergipsten Hand auf dem Spielplatz!“ entlockte mir diese Vorstellung ein breites Grinsen.

„Und weisst du das Beste?“ fuhr er fort, sich beinahe in der Stimme überschlagend vor Aufregung.

„Sie zwingt mich ständig zu Sex. Wenn ich von einer anstrengenden Frühschicht nach Hause komme, will sie ficken. Am Wochenende jeden Tag ein paar Mal. Und weisst du warum?“

„Sag’s mir!“ antwortete ich blitzartig.

„Weil sie schwanger werden will. Die Schlampe will mir ein Kind anhängen!“

„Aber du liebst doch Kinder, oder täusche ich mich da etwa in dir?“ schoss es aus mir, Onur einen kritischen Blick zuwerfend.

„Natürlich. Aber ich will nichts überstürzen. Das hab ich ihr auch gesagt. Aber sie will davon nichts wissen. Die türkischen Nachbarn stacheln sie auch ständig auf. Sie setzen ihr Flöhe ins Ohr, dass sie mir ein Kind anhängen soll, dann kann sie in Österreich bleiben und bekommt viel finanzielle Unterstützung vom Staat.“

„Ja, Kinderbeihilfe zum Beispiel. Wie lange kann sie denn hier bleiben? Wie lange dauert ihr Visa?“

„Ich hab ihr eines für ein ganzes Jahr geholt“ entgegnete Onur. „Aber die Alte geht mir sowas von auf den Keks. Wir streiten uns einfach täglich.“

Ich fragte mich, wie sie wohl aussähe und fragte Onur, wo seine neue Angetraute denn sei.

„Sie ist mit meiner Mutter zum Einkaufen.“

Schade, dachte ich mir. Aber womöglich würde ich eh nicht viel sehen, da ja seine Ex mit buntem Kopftuch und langem, weiten Rock immer verschleiert war, wenn ich ihnen begegnete. Bei seiner neuen Braut würde es wohl kaum anders sein. Ich runzelte meine Stirn und setzte dann zu einer weiteren Frage an: „Wie stehen denn deine beiden Eltern zu deiner Situation?“

„Die beiden sind schon alt. Sie jammern ja immer, was ich als ihr Sohn ihnen für grossen Kummer bereiten würde und dass ich schauen soll, dass wir miteinander klar kommen bla, bla, bla! Ich bin wie immer viel zu gutmütig mit den Frauen und habe das nur für meine Eltern gemacht.“

Es gingen mir jetzt immer mehr Fragen durch den Kopf. Wie etwa, ob seine Eltern nun glücklicher waren, mit einem unglücklichen Sohn, aber Hauptsache mit einer gebärfreudigen Gattin an seiner Seite. Ob Onur nicht glücklicher mit einer Europäerin wäre oder einfach als Single. Er unterbrach meine Gedanken mit seiner resoluten Art, die der eines Ringsprechers beim Boxkampf ähnelte:

„Heute hat das Luder beispielsweise wieder sicher drei Mal zu mir gesagt, dass sie die Regel nicht bekommen würde und sicher schwanger wäre von mir. Ich hab sie dann angeschrien und wir haben uns wieder gestritten und sie sagte, sie hoffe, sie würde mir einen Sohn gebären aber tot. Und wenn er nicht bei der Geburt sterben würde, dann würde sie ihn mit einem Kissen ersticken!“

„Oh mein Gott!“ entwich es mir.

„Diese Schlampe. Sie soll nicht glauben, dass sie wenn sie von mir schwanger ist mich sicher hat. Ich werde sie dann das Kind zur Welt bringen lassen und dann abschieben. Und das Baby bleibt dann bei mir in Österreich!“

„Ich glaube nicht, dass du sie so einfach los wirst, Onur!“

„Oh doch. Hab mir da schon was einfallen lassen. Ich sage einfach zu ihr, dass wir in Türkei auf Urlaub gehen und fliege mit ihr runter. Und wenn wir dort sind, dann bringe ich sie zu ihren Eltern und sage, dass ich sie nicht mehr will und dann nehme ich ihren Pass weg mit dem Visa drin und VERBRENN’ IHN!“

In just dem Moment läutete es an der Türe. Wir standen gemeinsam auf, da ich ohnehin wieder gehen musste. Zu meinem Erstaunen war es nicht Ayscha, sondern sein Versicherungsvertreter.

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Ein Kommentar zu Warum Onur mal wieder durchgedreht ist

  1. Iantefana sagt:

    Sehr Schöne,
    Danke dass du die Wirklichkeit schreiben kannst,
    leider machen wir(Aussländerinen) alles um hier zubleiben,dann wiessen wir nicht mehr was eine Liebe ist,heiraten wir nur einen Mann wegen unseres Visums aber nicht der Liebe,

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