Der geheimnisvolle Mann aus Myra

„Woher weiss er das alles bloss? Wie kann er dies nur wissen?“ Das sind die typischen Fragen, die sich ein jedes Kind einmal stellt im Laufe eines Hausbesuches. So war es auch bei mir, wenn ich heute leicht nostalgisch auf jene Ereignisse zurück blicke. Er war pünktlich wie eine Schweizer Uhr, seine Stimme war tief und klar, sein Bart bauschig und weiss wie Schnee. Auf seinem Haupt trug er stets eine Mitra, über die Schultern eine rot-weisse Stola und in seiner linken hielt er einen goldenen Krummstab. In der rechten Hand das aufgeschlagene Buch, das auf uns Kinder magisch wirkte, schien es doch das Buch aller Weisheiten zu sein. Bei jüngeren Generationen wäre wohl der Vergleich mit einem USB-Stick der NSA oder einer E-Mail von Interpol angebrachter, denn nicht nur Barack Obama weiss, mit wem Angela Merkel am 10. Februar dieses Jahres um 22.15 Uhr Ortszeit telefoniert hat – auch er weiss es. Die Rede ist von niemand geringerem als dem „Samichlaus“, der über den Rhein schlichtweg „Nikolaus“ heisst oder weiter nördlich in Holland als „Sinterklaas“ bezeichnet wird. Doch wer war dieser geheimnisvolle Mann aus Myra und wo liegt das überhaupt? Myra liegt in der kleinasiatischen Region Lykien und war damals Teil des Römischen, später des Byzantinischen Reichs und gehört heute zur Türkei. Nikolaus von Myra ist einer der populärsten Heiligen der christlichen Kirchen. Interessanterweise feiern wir seinen Todestag, der am 6. Dezember 326, 345, 351 oder 365 gewesen sein muss. So genau wissen es die Historiker nicht und sind sich stets uneinig. Dies zeigt auch, dass es recht wenige belegte Tatsachen über diesen zum Bischof geweihten Menschen gibt. Worüber sich Wissenschaftler einig sind ist, dass er während der Christenverfolgung 310 gefangen genommen und gefoltert wurde. Als Sohn reicher Eltern soll er sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilt haben. Es gibt also Parallelen zu Franz von Assisi.

Für Atheisten mag der 6. Dezember somit einer Totenverehrung gleich kommen, für Christen wiederum ist es die Erinnerung an jemanden, der Nächstenliebe gelebt hat. Dass der Heilige Nikolaus in der Regel stets in Begleitung seines getreuen Dieners „Knecht Ruprecht“ (in meiner Kindheit hiess er noch „Krampus“ – Nomen est omen!) in die gute Stube stapft, weiss auch jedes Kind. Ich erinnere mich, wie ich einmal zum Nikolosäckchen eine Rute bekommen habe. „Du hast zwar fleissig deine Hausaufgaben gemacht, aber nie die Finken angezogen und auch deine Zähne könntest du etwas besser putzen und eher zu Bett gehen“ waren damals seine Worte, als er sich zu mir runter beugte und mir die kleine Rute überreichte. Fein für alle Eltern, so ein Samichlaus, der Erziehungsaufgaben übernimmt. Von langanhaltender Wirkung waren sie zwar nicht, aber wir hatten noch richtig Respekt vor ihm – und besonders seinem Gehilfen, der eine schwarze Maske trug und ganz in Jute gehüllt mit zwei kolossalen Schellen in der Hand vor uns stand. Meine kleine Kusine verkroch sich sogar hinter der Eckbank, derart eindrücklich war diese Begegnung für die damals sechsjährige. Heute noch besucht der Samichlaus viele Schulklassen und weiss auch über die meisten Schüler etwas zu berichten, sei es Lob oder Tadel oder eben beides. Man mag von diesem Brauch halten was man will. Das Positive daran ist sicher, dass er uns erinnert, im Alltag mehr zu teilen, denn Geben ist bekanntlich seliger denn Nehmen!

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Deutsche Kurzgeschichten, Deutsche Lyrik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.