WORTFETZENBETÖRT

„Willst du mal meine Sex-Kabine benutzen?“ fragte einer der Jungs der sechsköpfigen Clique, die im Alter von etwa 14 waren und sich ein Stückchen oberhalb meines Platzes breit gemacht hatten. Eine Einzelkindfamilie aschgrauer Wolken liess Mutter Sonne kurz verschwinden und ermöglichte es meinen sonst so stark geblendeten Augen Mutters vollkommen runde Form auszumachen. Das kurzgescherte Gras war geschwängert von Ameisenkolonien, klassisch schwarzen und pissenden roten, arbeitseifrigen wie ebenfalls trägen. Sie verkörperten unsere Welt im Miniaturformat.

Ich versuchte an dieser Schlaftablettenpackung in Buchform weiter zu lesen, an der ich schon über drei Monaten nagte. Versuchte, die unterschiedlichsten Insektengattungen, welche frohgelaunt meinen von der Sonne gebräunten Körper bewanderten, einfach zu ignorieren, genau so wie die meine rasierten Achseln herab rinnenden, mich kitzelnden Schweissperlen und das Geplärre von überall wild herumtobenden Kindern, die ihre Eltern um ein Eis und noch ein Eis bettelten. Die gute, alte Sonne war zurück. Sie befreite sich sogleich von den lästigen, omnipresenten Wolkenscharen. Ebenfalls waren die Nielen paffenden Jungs zurück, deren Münder Schimpfworte aus der untersten Schublade bellten. Als ich grad zum Mitlauschen gezwungen war, schimpften sie doch glatt ein passierendes Bikini-Teen als Fotze und pfiffen ihr in unsittlicher Manier nach. Ich blickte kurz auf und zwang mein Haupt erneut sich in die letternstarken Seiten zu neigen, um die nächste Zeile, jedoch ohne ein Gefühl von Heisshunger, zu verschlingen.

„Wo ist hier eigentlich das Klo?“ – „Beim Eingang!“ meinte einer. „Geh einfach raus und kack‘ vor den Eingang irgendwohin!“ entgegnete ein anderer. Und ein dritter wusste bauernschlau: „Mann, scheiss doch am besten in die Bademeisterkabine!“ und lachte spitzbubenhaft. „Ja, geh in die Bademeisterkabine scheissen!“ sagte der andere wieder, lauthals, für alle anderen Besucher unüberhörbar. Danke! Mein Handy vibrierte. Nur einmal. Empfang einer Kurznachricht, sprich sms. Eine fettleibige Frau kam, entweder schon im x-ten Monat schwanger oder einfach so mit einem „Schwimmreif“ bestückt, gestützt von zwei Kindern an beiden Armen, und sagte zu ihnen: „Mensch, seid ihr doch gefrässige Kinder, so etwas Verfressenes wie euch hab‘ ich auch noch nie erlebt!“

Diese letzten, schon intuitiv aufgeschnappten Wortfetzen waren für mich Anlass genug, ein Eis und eine Abkühlung im 25 ° kühlen Nass zu nehmen. Es lebe die Schwimmbadsaison, dachte ich mir und war bestimmt nicht der einzige mit solchen Gedanken. Denn vielleicht hatte auch der kleine Junge, der neben mir grad den Baumstamm bebieselte, ähnliche Gedanken!?

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