Von fliegenden Drahteseln und anderen Drachen

„Das Wandern ist des Müllers Lust“ sang ich frohlockend vor mich hin und sah den Gipfelsieg bereits vor meinem geistigen Auge. Ein kurzer Blick auf meine Uhr am Handgelenk bestätigte meine gute Laune. Ich war dabei meine neue persönliche Bestzeit zu holen. Und ganz nebenbei bemerkt auch die meiner Wanderfreunde zu übertreffen. Sollte ich die letzten paar Meter vielleicht noch joggen? Gerade als ich mit diesem Gedanken spielte, holte mich das Geräusch einer Fahrradglocke abrupt auf den Boden der Realität zurück. Leicht erschrocken drehte ich mich um. Ich bekam ein lautstarkes „Grüezi Wohl!“ an den Kopf geschmissen und traute meinen Augen nicht: Wer hatte mich da gerade überholt? Ich musste ein zweites Mal hinschauen. Das konnte es doch wirklich nicht geben. Hocherhobenen Hauptes fuhr, nein, eher flog da ein Pensionist auf seinem Drahtesel an mir vorbei. Ich glaubte zu träumen, doch dem war nicht so. Dieser Dinosaurier mit Halbglatze und stark meliertem Haar hatte mich doch tatsächlich überholt. Und das ohne die geringste Anstrengung. Ohne hochroten Schädel und von Schweiss durchtränktem Shirt. Nein, im Gegenteil ganz locker und lässig auf einem Flyer, einem Elektrofahrrad mit womöglich noch 30 Stundenkilometern. Dieser Scheintote, der nicht steifer aussehen hätte können, war jetzt bereits beim Gipfel. Ein erneutes Glockengeräusch. So schnell konnte ich mich diesmal gar nicht umdrehen, da sauste schon seine Göttergattin an mir vorbei. Grauhaarig wie ihre bessere Hälfte. „Grüezi!“ Auch sie grüsste mich, doch so schnell konnte ich ihre Grussworte gar nicht erwidern, wie sie an mir vorbeizischte. Ich bekam meinen Mund kaum mehr zu vor Staunen. Die beiden waren wohl im Alter meines bereits verstorbenen Grossvaters. Doch der würde sich wohl im Grab umdrehen, ob dieser neumodernen Dingsbums. Seinen Lebtag ist er stets zu Fuss unterwegs gewesen. Ich hingegen beneidete das ältere Paar ein wenig – ohne dass ich dies natürlich vor Freunden zugeben würde.

Man kann jetzt diskutieren, ob diese Art von Fortbewegung gerecht ist. Vor allem im Vergleich zu den klassischen Velos, die keinen Motor als zusätzliches Hilfsmittel eingebaut haben. Die klassischen Radfahrer strampeln sich nach wie vor ab, vor allem bei Bergfahrten ist dies kein Zuckerschlecken. Die Vorteile für ein Motörchen liegen auf der Hand: Etwa dass Gelenke weniger belastet werden, dass rhythmischer bewegt wird und auch grössere Etappen gefahren werden können. Allein von der Zeitersparnis zu geschweigen. Doch die Nachteile mögen für viele dennoch überwiegen: Das Ganze ist viel gefährlicher und ohne Helm nicht zu empfehlen. Es sind schon die schlimmsten Stürze passiert, da bekanntlich schnelle Pferde gefährlich sind. Ich habe schon erlebt, dass immer wieder die Debatte aufkam, wenn es um Elektrofahrräder ging, dass die einen Feuer und Flamme sind und die anderen, eher sicherheitsbewussten Zeitgenossen, lieber ganz mit darauf verzichteten. Die Entscheidung dafür oder dagegen muss jeder für sich selbst treffen. Ich mach es wie mein Grossvater: Ich gehe zu Fuss und staune ob den immer wieder an mir vorbei fliegenden Drahteseln.

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