Sie putzt sogar die Wohnzimmerwände

(Fortsetzung der Geschichte: Warum Onur mal wieder durchgedreht ist)

‚Wer hat mir da eben aufgeblinkt?’ fragte ich mich, als ich mich gedankenschwanger laut Radio hörend auf dem Nachhauseweg befand. Im Rückspiegel sah ich wie der kleine grüne Skoda mit den roten Streifen auf dem Heck und den unzähligen Rostflecken schnurstracks schräg den Gehsteig hoch fuhr und stehen blieb. Unvermittelt presste ich auch den Bremsklotz und blieb ebenfalls am Strassenrand stehen. Ich tätigte den Blinker und stieg aus.

 

„Onur! Du bist es. Ich dachte schon…“ begrüsste ich meinen alten Schulkameraden per Handschlag. „Hast du es eilig?“ fragte er mich sogleich. „Nein, eigentlich nicht!“ entgegnete ich.

„Na, dann komm doch zu mir auf einen Raki. Tamam?“

 

Das letzte Mal als ich von Onur gehört hatte war, als er mir per SMS freudvoll mitteilte, dass sie ihre Tage bekommen hätte und doch nicht schwanger sei. Das war vor ungefähr zehn Tagen.

Zurück in seiner typisch türkischen Wohnung (weshalb ich sie als türkisch deklariere ist eigentlich ganz einfach: Es stehen ganz viele Schuhe vor der Türe wie vor einer Moschee. Er hat Vorhänge mit vielen Mustern und Storen. Glasvitrinen mit Bildern seiner Anne mit Kopftuch und seiner Schwester in grotesken Rahmen. Ein knallbuntes Sofa mit einem Messingtisch davor. Der übergrosse Fernseher mit VHS- und DVD-Rekorder sowie Spielkonsole. An den Wänden hängen Bilder mit Motiven der Kaaba in Mekka, der Sultan Ahmed-Moschee in Istanbul und selbst die Uhr hat ein Ziffernblatt mit arabischen Zeichen. Nicht zu vergessen die Kraftbank, die platzbedingt auch im Wohnzimmer aufgestellt ist) setzten wir uns auf die Sofas. „Also hast du dieses Wochenende keine Kinder bei dir?“ fragte ich ihn sogleich. „Nein, erst das nächste aber auch nur vielleicht!“ – „Was machst du denn dieses Wochenende?“ – „Nachher kommt ein Kollege vorbei und wir werden etwas an meinem Autochen rumtunen!“

 

Er verschwand kurz in die Küche, die durch einen türkisen Lamellenvorhang vom Wohnzimmer getrennt war, um die Rakis „on the rocks“ zu machen. Ich verschwand ins Badezimmer um zu pinkeln. Dort fielen mir die typischen Mömax-Teppiche auf, die mit dutzender Schmutzwäsche beladene Waschmaschine, der Rasierapparat auf dem Waschbecken sowie eine Zahnbürste mit einem Päckchen Backpulver.

 

„Onur, was machst du mit dem Backpulver im Bad?“ fragte ich sogleich, als wir uns wieder im Wohnzimmer begegneten. „Was für eine blöde Frage. Das verwende ich natürlich zum Zähne putzen, was denkst du? Das ist ganz gut, da bekommst du weisse Zähne!“ ‚Tja, bei der Menge was er Cai-Tee trinkt, ist das nicht mal so eine schlechte Idee’, dachte ich mir.

 

„Serife!“ stiessen wir auf Türkce an und nahmen beide einen ordentlichen Schluck von dem Aniszeugs. Erst jetzt fiel mir auf, dass er keinen Gipsverband mehr an seiner Hand trug. „He, du bist ihn los!“ schoss es aus mir. „Ja, endlich. Aber schau, wie geschwollen meine Finger noch sind!“ Es war unübersehbar.

 

„Also, wo ist deine Aysche?“ fragte ich ihn nach seiner zweiten Frau. „Oben, bei meinen Eltern. Weisst du, ich halte sie nicht mehr aus. Erst vorhin hat es mir wieder den Schützer raus gehauen wegen ihr!“

„Was war denn wieder, wollte ich wissen?“

„Also wo soll ich anfangen zu erzählen. Es gibt so viel. Zum Beispiel wenn wir so wie jetzt da sitzen und Fernseh schauen. Es kommt ein spannender Film und da beginnt sie auf einmal an mit mir zu reden. Aber nicht über etwas wichtiges, sondern darüber, ob ich den Müll rausbringen kann oder die Heizung reparieren oder dass wir morgen einkaufen gehen könnten. Ich sag dann, Schatz, ich schaue den spannenden Film an. Warte wenigstens bis Werbung kommt, wenn du mit mir reden willst!’ Dann sagt sie gleich ‚Mit dir kann man ja nicht reden. Du gehst mich volle an!’ Und dann endet alles in Streit. Sie hat einfach nichts im Schädel, diese Frau. Sie ist mit Abstand das Dümmste, was mir je begegnet ist. Auch wenn sie von ihrem Deutsch-Kurs zurück kommt, erzählt sie mir nicht, was sie gelernt hat, sondern nur wieder, dass wir in dieses und jenes Möbelhaus gehen könnten, um noch dies und jenes zu kaufen.“

„Aber du kennst sie jetzt doch schon länger, nicht?“ wollte ich wissen. „Ja, ungefähr vor einem Jahr haben sie meine Eltern mir in Türkei vorgestellt. Da dachte ich mir, dass sie ganz okay ist, da hat sie auch noch nicht so viel geredet wie jetzt. Seit sie hier ist, ist sie ganz anders und sie meint, ich hätte einen Geldscheisser und dass es Geld in Österreich vom Himmel regnen würde.“

„Wie meinst du das?“ hakte ich nach.

„Sie will immer nur shoppen gehen. Du weisst ja, dass ich noch die ganze nächste Woche im Krankenstand bin und dann Physiotherapie habe. Im Moment haben wir es finanziell sehr knapp. Seit sie hier ist habe ich ihr Gewand gekauft, drei Röcke und vier Hemden. Sie will aber immer mehr. Neue Teppiche fürs Wohnzimmer haben wir auch bestellt.“ Ich betrachtete die vier kleinen, fast aneinander liegenden schlumpfblauen Teppiche mit den weissen Punkten drauf. „Seid ihr ins renommierte Möbelhaus gegangen?“ wollte ich wissen.

„Nein, wir haben alles in einem türkischen Geschäft in Lustenau bestellt… Komm mal mit!“ wies er mich an aufzustehen und ihm zu folgen.

 

Er öffnete die Schlafzimmertüre. Ich staunte nicht schlecht, als ich darin nicht mehr sein altes Ehebett und das Stockbett für seine beiden Söhne vorfand wie beim letzten Mal. Statt dessen stand da mittig ein neues, grosses – wie die Amerikaner sagen würden – King Size Bett mit typisch türkischer Aufmache, sprich mit weissem Tüll und glänzenden Seidenrosen drauf. Ich erinnerte mich, als ich Bettzeug in der Art zum ersten Mal in Istanbul und dann in Izmir gesehen hatte. Die meisten dort waren auch weiss resp. pink. Dort wo Wochen zuvor noch alles mit Kinderspielsachen vollgestopft war, stand jetzt ein breiter Kleiderschrank mit Spiegeln.

„Stell dir vor,“ fuhr Onur fort, und dabei überschlug sich seine Stimme vor angestauter Wut beinahe, „ich habe zwei Schlafzimmer ausgesucht, die ich mir mit meinem Budget leisten kann, und liess sie dann aussuchen. Sie wollte zuerst das eine, dann das andere und dann sagte sie folgendes zu mir: ‚Schat, weil sie ja Schatz noch immer nicht aussprechen kann die doofe Kuh, wir könnten doch unsere Verlobungs- und Eheringe verkaufen und uns dann was Besseres leisten!“

„Wow, nicht schlecht!“ schoss es aus mir raus.

„Das ist wohl die Höhe. Diese verdammte Dreckschlampe. Sie meinte noch, dass wir uns dann ja mal andere, neue kaufen könnten!“ Er holte tief Luft und fuhr dann fort, wobei seine Augen funkelten: „Zu mir sagt sie ständig, ich würde sie nicht lieben. Und sie sagt so eine Scheisse zu mir!“

„Liebst du sie denn?“ wollte ich wissen.

„Natürlich nicht. Das sag ich auch ganz offen und ehrlich. Aber ich mag sie bzw. ich mochte sie, als wir noch in Türkei waren.“

 

Ich sah mich etwas im Schlafzimmer um. Auf einem der beiden Nachttischhen stand ein Foto von ihr. Sie war in ein knallrotes Kopftuch gehüllt und man erkannt nur ihre Gesichtsform, die recht rund war. Ich sprach ihn darauf aber nicht an. „Wo schlafen jetzt deine Kinder, jetzt wo die Stockbetten nicht mehr da sind?“ wollte ich wissen.

„Natürlich bei mir. Ich musste die Stockbetten raus tun. Wenn meine Kinder bei mir sind, schlafen sie hier bei mir und sie schläft draussen auf der Couch. Sie muss sich gar nicht beklagen, denn in Türkei hatte sie auch nichts anderes als eine Couch. Klar, wäre besser man könnte sie ausziehen, aber ich hab das Geld dafür nicht. Die fette Kuh wird schon nicht runter fallen. Da mein Antrag auf Wohnbeihilfe schon wieder abgelehnt wurde, muss ich wohl oder übel in der Zweizimmerwohnung bleiben. Etwas anderes kann ich mir einfach nicht leisten. Die von der Behörde sagen, dass eine Zweizimmerwohnung für zwei Personen ausreichend ist!“

 

Wir gingen wieder ins Wohnzimmer und setzten uns, um am Anisschnaps weiter zu trinken. „Sauber habt ihr’s hier aber!“ entfiel es mir. „Ja, die ist ja immer am Putzen. Schau wie klein die Wohnung ist. Sie putzt die ganze Zeit. Wir können ja nie was gemeinsam unternehmen. Ich schau dann halt fern oder geh ins Internet.“ Der Bildschirm mit der aufgeschraubten Webkamera stand noch wie Wochen zuvor neben dem Tisch am Boden. Ich schaute mich um. Die Böden sahen gewischt aus, die Glasvitrinen glänzten. ‚Nicht schlecht!’ dachte ich mir.

 

„Hör mal, mein Freund“ fuhr Onur fort und sah mir tief in die Augen, „Kennst du irgend jemanden, der die Wohnzimmerwände putzt? Sie putzt sogar die Wände – sowas hab ich noch nie erlebt!“

 

Jetzt konnte ich mein Lachen nicht mehr zurück halten. Er grinste nur und zog sein Mobiltelefon aus der Jeans mit den Halbmondbestickten Taschen drauf. „Hallo Stefan, ja, ich komme runter und dann können wir den Spoiler lackieren, bevor es anfängt zu regnen!“

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Ein Kommentar zu Sie putzt sogar die Wohnzimmerwände

  1. Bianca Trebitsch sagt:

    Eine sehr lustige und einfallsreiche Geschichte *g*. Gefällt mir wirklich sehr gut! Bin daher auch gespannt wie es weiter geht 🙂

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